Master Thesis

aus EVL-WIKI, der freien Wissensdatenbank

Social Software als wesentlicher Bestandteil eines Blended Learning Designs

Konzepte, praktische Unterrichtserfahrungen und Evaluation rund um das Open Source-Projekt "MediaWiki Joins ILIAS"

Masterthese im Rahmen des Lehrganges "Professional MSc Educational Technology - E-Teaching and E-Learning" an der Donau-Universität Krems (2004-2006) von Mag. Klaus Himpsl, HTL Dornbirn

Komplette Master Thesis als PDF (4MB)

Defensio zur Master Thesis als PDF (0.2MB)

Bitte beachten Sie bei der Verwendung der Inhalte die Creative Commons License!

Das Zertifikat zur Überprüfung der Gültigkeit der Lizenz ist unter www.registeredcommons.org einsehbar!

Bestellmöglichkeit in Buchform

Werkstattbericht
vergrößern
Werkstattbericht

Beim E-Learning-Fachverlag Werner Hülsbusch ist eine leicht überarbeitete Fassung als Werkstattbericht erhältlich.

Abstract

Social Software als wesentlicher Bestandteil des viel zitierten „Web 2.0“ – nur ein kurzfristiger Internet-Hype wie so oft oder vielleicht doch eine heimliche Medienrevolution? Das Potenzial scheint gewaltig, wird aber in Bezug auf E-Learning von Bildungseinrichtungen und Wirtschaft vorerst nur zögerlich wahrgenommen. Wie kann Social Software für Lernprozesse sinnvoll eingesetzt werden? Welche positiven Auswirkungen hat der Einsatz auf die Kompetenzen der Lernenden? Wie sehen praktische Beispiele aus, und worauf müssen die Lehrenden achten?

Diesen Fragen wurde in der Masterthese am Beispiel der Software „MediaWiki“ nachgegangen, die an der HTL Dornbirn seit drei Jahren im Unterricht der Sekundarstufe II erprobt wird. Dabei entwickelte sich eine Einteilung in zehn verschiedene Einsatzzwecke, die lerntheoretisch eingeordnet und mit verschiedenen Unterrichtsbeispielen genau beschrieben wurden. Eine Evaluation durch Gruppeninterviews mit Schüler/innen rundete diesen Teil der Arbeit ab.

Der Einsatz eines Wiki-Systems in vorwiegend konstruktivistisch orientierten Szenarien zeigte auch, dass einer traditionellen Lernplattform wichtige Elemente für eine Kooperation und Kollaboration in Lerngruppen fehlen. So entstand die Idee für das Open Source-Projekt „MediaWiki Joins ILIAS“, das von mir initiiert und geleitet wurde. Die technische Umsetzung meines Konzeptes steht unmittelbar vor einem erfolgreichen Abschluss und wird ab dem kommenden Jahr allen ILIAS-Plattformen zur Verfügung stehen. Die Dokumentation dieser Integration einer Social Software in ein Learning Content Management System bildete den zweiten Hauptteil der Masterthese.

Gliederung

1. Einleitung
2. Rahmenbedingungen an der HTL Dornbirn
2.1 Geschichte der Schule
2.2 EDV-Infrastruktur an der HTL Dornbirn
2.3 Teilnahme der HTL Dornbirn am Projekt „E-Learning Cluster Österreich“
3. Blended Learning Szenario an der HTL Dornbirn
3.1 Begriffsklärung "Blended Learning"
3.2 Eigenverantwortliches Lernen (EVL)
3.3 Das Learning Content Management System ILIAS
3.4 MediaWiki als E-Learning-Werkzeug
4. Die Vorbereitungen für den Einsatz von MediaWiki an der Schule
4.1 Adaptionen an der Software MediaWiki
4.2 Lern- und handlungstheoretische Grundlagen
4.3 Social Software und der erweiterte Kompetenzbegriff
5. Praktische Beispiele des Einsatzes von MediaWiki an der Schule
5.1 Überblick über die verschiedenen Einsatzzwecke
5.2 Praxisbeispiele zu verschiedenen Einsatzzwecken
6. Evaluation zum Einsatz von MediaWiki an der Schule
6.1 Die Leitfragen zu den Gruppeninterviews
6.2 Auswertung der Gruppeninterviews
7. Probleme im Blended Learning Szenario
8. Lösung: "MediaWiki Joins ILIAS"
8.1 Entstehung und Verlauf des Open Source-Projektes
8.2 Pädagogisches Konzept zur MediaWiki-Integration in ILIAS

Einleitung

"Das Internet kommt zu sich selbst"1) titelte die österreichische Tageszeitung "Der Standard" vom 23. August 2006 in einem Artikel über die momentane Medienrevolution, die unter dem kurzen Schlagwort "Web 2.0" seit etwa drei Jahren das Internet grundlegend verändert. Innerhalb kürzester Zeit entstehen Communities mit mehreren Millionen Usern, denen, trotz ganz verschiedener Ausprägungen, zwei Merkmale gemein sind: Zum einen surft der Nutzer/die Nutzerin nicht nur, "sondern kreiert auch einen Wellenschlag" (Thomas Burg, ebenda), zum anderen steht hinter der technologischen Umsetzung immer eine Webanwendung, die als "Social Software" bezeichnet wird. Egal ob Weblogs, Wikis oder legale Tauschbörsen selbstproduzierter Bilder, Audio- oder Videofiles: die intelligente, aber einfach zu bedienende Software ermöglicht eine schnelle "many2many"-Kommunikation und "verführt" die Mitglieder der Netzgemeinschaft regelrecht dazu, selbst etwas beizutragen.

Ist auch das wieder nur ein weiterer Hype, wie die Dotcom-Blase, die im März 2000 platzte? Allein schon die nackten Zahlen sprächen dagegen, meint Hochadel in seinem Artikel weiter. So zähle z.B. die Blog-Suchmaschine "Technorati" derzeit mehr als 50 Millionen Blogs weltweit, die vor allem im englischsprachigen Bereich beliebte Tauschbörse "Myspace" hätte bereits über 100 Millionen Mitglieder. Die Verfechter/innen von Social Software behaupten sogar, dass mit dem "Web 2.0" nun endlich die Vision des "Erfinders" des World Wide Web, Tim Burners-Lee, Wirklichkeit werde, der noch 1999 in einer Rede in Cambridge, Massachusetts lamentierte: "I wanted the Web to be what I call an interactive space where everybody can edit. And I started saying 'interactive', and then I read in the media that the Web was great because it was 'interactive', meaning you could click. This was not what I meant by interactivity."2)

Kann das gewaltige Potential des "Web 2.0" auch für E-Learning genutzt werden? Hochadel meint, Social Software sei geradezu prädestiniert dafür, doch hinkten Universitäten und Wirtschaft wieder einmal der Entwicklung hinterher. Gerade im Zuge des Bologna-Prozesses schlage das Pendel in der Bildungspolitik derzeit wieder in Richtung fester Lehrinhalte, Kontrolle und Verschulung aus. Die eher skeptische Meinung Hochadels teile ich nicht, gibt es doch mittlerweile zahlreiche Initiativen in die richtige Richtung. Die Idee von Helen Barett, die bereits 1991 das "electronic portfolio" erfand, erfreut sich mit Unterstützung von angepasster Blog-Software erneuter Beliebtheit. E-Learning-Pionier/innen an deutschsprachigen Universitäten wie Gabi Reinmann oder Peter Baumgartner arbeiten an didaktischen Modellen, die endlich Elemente, die einer konstruktivistischen Lernphilosophie entspringen, sinnvoll in Blended Learning-Szenarien integrieren. Für deren technische Umsetzung ist Social Software sicherlich hervorragend geeignet. Und schließlich hat unter anderem die Tagung "Social Skills durch Social Software"3) in Salzburg am 23./24. Mai 2006 gezeigt, dass es bereits praktische Erfahrungen mit dem Einsatz von Social Software im Bildungskontext gibt, wenn auch noch sehr in den Anfängen.

Praktische Erfahrungen beim Einsatz von Wiki in der Sekundarstufe II sind auch der Ausgangspunkt meiner Arbeit. Mit dem Beitritt der HTL Dornbirn zum E-Learning-Cluster Österreich im März 2003 wurden die Blended Learning-Aktivitäten stark intensiviert, wobei mir als Schulkoordinator und Leiter der E-Learning-Steuergruppe eine zentrale Aufgabe zukam. Neben der Verwendung einer "klassischen" Lernplattform, nämlich dem Open Source-Produkt ILIAS der Universität Köln, setzten wir von Anfang an die von der Online-Enzyklopädie Wikipedia bekannte Software "MediaWiki" ein, zunächst in einer Klasse im EDV-Labor-Unterricht, später in Form von Klassen-Wikis in sehr vielen Unterrichtsgegenständen und zur Abwicklung von Projekten. Dabei wurden von meinen Kolleg/innen und mir zahlreiche verschiedene Einsatzzwecke und Unterrichtsmethoden erprobt, die ich für meine Arbeit in zehn verschiedene Kategorien eingeteilt habe. Meine Erfahrungen aus dem Unterricht und aus der Lehrer/innenfortbildung können als Orientierungshilfe für einen eigenen Unterrichtseinsatz dienen und werden deshalb ausführlich beschrieben.

Welche Faktoren sind für einen erfolgreichen Wiki-Einsatz in der Schule von Bedeutung? Zunächst einmal die genaue Kenntnis des verwendeten Werkzeugs, also der Social Software MediaWiki, an der gewisse Anpassungen vorgenommen wurden, und sinnvolle Konventionen bei deren Verwendung. Darüber hinaus ist ein didaktisches Hintergrundwissen für die Planung des Unterrichtseinsatzes unabdingbar, wobei ich mich vor allem auf die Überlegungen von Gabi Reinmann aus "Blended Learning in der Lehrerbildung" und die Lehr-/Lernmodelle von Peter Baumgartner stützte, die auch zur didaktischen Einordnung der von mir beschriebenen Einssatzzwecke dienten. Diese "Vorbereitungen" des Einsatzes von Wiki im Unterricht lege ich in einem eigenen Kapitel dar.

Als Ergänzung zu meinen Einschätzungen aus Lehrersicht habe ich zum Ende des Schuljahres 2005/2006 Interviews mit drei Schüler/innengruppen aus drei verschiedenen Klassen durchgeführt und ausgewertet. In einem eigenen Kapitel werden die Ergebnisse dieser Evaluation dargelegt und Querverbindungen zu den von mir beschriebenen Einsatzzwecken hergestellt.

Beim Einsatz von Social Software in der Schule stehen natürlich neben den fachlichen Zielen vor allem Sozialkompetenzen im Mittelpunkt des Interesses. Dabei sind die Voraussetzungen an der HTL Dornbirn insofern besonders günstig, da noch vor Einführung des Notebooks im dritten Jahrgang die Klassen im Präsenzunterricht als so genannte EVL-Klassen geführt werden. EVL steht für "Eigenverantwortliches Lernen" und ist ein Konzept, das ich im Jahr 2000 an der Schule eingeführt habe und sich im Wesentlichen an die Ideen des deutschen Pädagogen Heinz Klippert anlehnt. Dieses Konzept stellt einen wichtigen Teil des Blended Learning Szenarios der HTL Dornbirn.

In den Notebookklassen an der HTL Dornbirn wurde neben den Klassen-Wikis auch das Learning Content Management System ILIAS verwendet. Der parallele Einsatz der beiden Plattformen hat, neben dem Vorteil durch die vielfältigeren Möglichkeiten, auch Probleme mit sich gebracht. Auf der Suche nach einer Lösung kam mir die Idee, beide Systeme zu verbinden. Aus der Idee entstand das Open Source-Programmierprojekt "MediaWiki Joins ILIAS", das von mir konzipiert, geleitet und in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Zentralschweiz abgewickelt wurde. Das Projekt stellt für mich den vorläufigen Abschluss einer fast dreijährigen Entwicklungsarbeit dar und steht auch am Schluss meiner Masterthese.

Ausschnitt aus dem Hauptteil der Thesis

Ein zentrales Kapitel meiner Arbeit war die Erstellung einer Übersicht verschiedener Einsatzzwecke von Wiki im Unterricht und deren lerntheoretische Einordnung. Dazu habe ich das Modell von Baumgartner und Kalz4) herangezogen, die aus den drei klassischen Theorien Behaviourismus, Kognitivismus und Konstruktivismus drei Modelle entwickelten, die sie Lehren I/II/III nannten. Folgende Grafik stellt die drei Modelle kurz gegenüber:

Der Haupteinsatzzweck eines Wikis ist das kollaborative Schreiben, das eindeutig einer konstruktivistischen Unterrichtsphilosophie und damit auch dem Modell "Lehren III" von Baumgartner und Kalz zuzuordnen ist. Vor allem in den Wikis zu den Maturaprojekten ist diese prototypische Verwendung des Modells in einer sehr starken Ausprägung anzutreffen. Ebenso gibt es aber Beispiele, die sich auf das Modell "Lehren I" oder "Lehren II" beziehen oder phasenweise Elemente aus allen drei Modellen enthalten. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die erprobten Einsatzzwecke von MediaWiki, die ausgewählten zugehörigen Unterrichtsbeispiele und die Einordnung in die Lehrmodelle I, II, III:

# Verwendungszweck Ausgewählte Unterrichtsbeispiele (mit Jahrgang) Lehren I Lehren II Lehren III
1. Einstellen von Lerninhalten
  • 3aI: Englisch-Vokabeln und diverse Texte
  • 3aI: Einführung in den Goldenen Schnitt
X
2. Linksammlungen
  • 1bI: Ergänzungen zum Mathematik- und Informatikunterricht
X x
3. Brainstorming, Ideensammlung, Whiteboardfunktion
  • 1bI: Ideensammlung für Skitag und Wandertag
  • Interteach-Wiki: Ideensammlung für das zweite Projektjahr
  • Einstein-Wiki: Ideensammlung für den Event
X
4. Kollaboratives Schreiben
  • 5aI: Entwurf für die Maturazeitung
X
5. Dokumentation, Protokollfunktion
  • 1bI: Protokolle zu Klassenratsitzungen
  • 3aI, 4bI: Schüler/innenexperimente im Physikunterricht
  • 5aI, 5bI: Linuxinstallationen im Informatiklabor
X x
6. Ausarbeitung von Handouts für Referate
  • 3aI: Diverse Themen im Fach Englisch
  • 5aI. Diverse Themen in Betriebsinformatik, Englisch und Geschichte
  • 5bI: Diverse Themen im Fach Englisch
X x
7. Kommunikationsplattform, Ressourcenbezogene Kommunikation
  • 5bI: Programmierung und Projektentwicklung
  • Comeniusprojekt Interteach
x X
8. Ergebnissammlung zu Internetrecherchen (Webquests)
  • 3aI: Webquests zu "Goldener Schnitt" und "Atommodelle"
  • 5bI: Webquests zu "Macbeth", "US Presidential Elections" und "Science Fiction"
x x X
9. Online-Schulmappe, Klassenplattform, Elterninformation, Enzyklopädie zum laufenden Unterricht
  • 1bI: Schüler/innenPorträts, Klassenratsitzungen, Logo-Wettbewerb, diverse Linksammlungen
  • 3aI: Mitschriften zu verschiedenen Unterrichtsthemen
  • 5bI: Mitschriften zu verschiedenen Themen
x X x
10. Projektmanagement, Wissensmanagement, Öffentlichkeitsarbeit
  • Comeniusprojekt Interteach
  • 5bI: Programmierung und Projektentwicklung
  • 5aI: Maturaprojekt DML – Digital Multimedia Library
  • 5bI: Maturaprojekt 360@edu.card
  • Einstein-Wiki
x x X

In den letzten drei Spalten der Tabelle wird die Zuordnung zu den Lehrmodellen durch Kreuze dargestellt, wobei ich die prototypische Verwendung bzw. den phasenweise bedeutendsten Anteil durch ein großes X und die zusätzliche phasenweise Verwendung durch ein kleines x unterscheide. In Anlehnung an das Spiralprinzip von Baumgartner und Kalz erscheint mir diese Zuordnung sinnvoll als Orientierungshilfe für andere Lehrkräfte bei der eigenen Verwendung eines Wikisystems zum angegebenen Zweck.

Zusammenfassung und Fazit

Die Social Software MediaWiki stand im Mittelpunkt meiner Arbeit. Aufgrund der Eigeninitiative meines Kollegen Ulrich Radzieowski waren die E-Learning-interessierten Kolleg/innen der HTL Dornbirn bereits ab Herbst 2003 in der glücklichen Lage, mit einem Wiki-System im Unterricht arbeiten zu können. Zu diesem Zeitpunkt war die Online-Enzyklopädie Wikipedia zwar schon auf dem Weg zu einer Erfolgsstory, doch die Skepsis gegenüber dieser neuen Form eines sozialen Netzes und der völligen Aufgabe einer persönlichen Urheberschaft war nach wie vor groß, ganz zu schweigen davon, dass es kaum Erfahrungen oder Konzepte für einen Unterrichtseinsatz gab.

Mit dem 30. September 2004 fiel der Startschuss für die Klassen-Wikis der HTL Dornbirn, so dass innerhalb einer geschlossenen Lerngruppe ungestört Erfahrungen gesammelt werden konnten. Dabei setzte ich selbst MediaWiki in etlichen Klassen in meinen drei Fächern Mathematik, Physik und Informatik ein und führte zusammen mit meinem Kollegen Radzieowski zahlreiche Seminare zum Wiki-Einsatz durch, und zwar sowohl schulintern als auch schulübergreifend für ganz Vorarlberg. Ein Ziel meiner Arbeit war es, aus diesen intensiven Erfahrungen Konzepte für den Unterrichtseinsatz von MediaWiki zu entwickeln, die den großen Hauptteil der These bildeten. Kurz zusammengefasst lauten die wesentlichen Erkenntnisse:

  1. Die Lehrenden sollten grundlegend über verschiedene Arten von Social Software und insbesondere über Wikipedia als "Erfolgs-Wiki" Bescheid wissen.
  2. Wiki ist nicht gleich Wiki! Funktionsumfang, Gestaltungsmöglichkeiten und leichte Bedienbarkeit sind wichtige Erfolgsfaktoren. Ein technisch reduziertes oder nicht ausgefeiltes Wiki-System gelangt schnell an seine Grenzen. Die Software MediaWiki ist aus vielen Gründen sehr gut geeignet, wobei aber auch gewisse Anpassungen vorgenommen werden sollten.
  3. Für einen erfolgreichen Einsatz sind neben den Grundkenntnissen der Bedienung auch Konventionen im Umgang mit dem Wiki-System notwendig, die innerhalb der Lerngruppe erörtert und eingehalten werden sollen. Dazu gehören Regeln bzgl. des Namensraumes genauso wie das Bilden von Absätzen oder der sinnvolle Umgang mit den Diskussionsseiten.
  4. Für die Unterrichtsplanung ist ein didaktisches Hintergrundwissen auf Seiten der Lehrenden unabdingbar. Dazu gehören meines Erachtens grundlegende Kenntnisse über die drei Lehr-/Lernparadigmen, die computerunterstützte Kooperation und Kollaboration sowie einen erweiterten Kompetenzbegriff.

Als Orientierungshilfe habe ich für die von mir beschriebenen Unterrichtsbeispiele eine Einteilung in zehn verschiedene Einsatzzwecke vorgenommen. Diese reichen von der einfachen Linksammlung über die Möglichkeit des Online-Brainstormings bis hin zur kompletten Projektmanagementplattform. Dabei habe ich gleichzeitig eine Zuordnung zu Baumgartners Lehr-/Lernmodellen vorgenommen, wobei sich der Schwerpunkt natürlich im konstruktivistisch orientierten Modell III befindet. Denn in den meisten Fällen steht doch das kollaborative Schreiben im Mittelpunkt. Nichtsdestotrotz kann der Wiki-Einsatz phasenweise auch Elemente von Lehren I enthalten, wenn z.B. von den Lehrenden Lerninhalte eingestellt werden, oder von Lehren II, wenn das Wiki z.B. zur Dokumentation von Laborunterricht eingesetzt wird. Die Software MediaWiki ist insgesamt also sehr flexibel einsetzbar und ermöglicht es den Lehrenden, gemäß dem spiralförmigen Modell nach Baumgartner und Kalz, den gesamten Lernprozess mit dem Wiki-System zu begleiten bzw. abzubilden. Als besonders gut geeignet erscheint mir die Verwendung eines Wikisystems für die Ergebnissammlung bei einem Webquest, weshalb ich dieses didaktische Modell auch genauer beschrieben habe.

Für die Evaluation des Wiki-Einsatzes habe ich die Form des strukturierten Gruppeninterviews gewählt und mit Schüler/innen aus drei verschiedenen Klassen durchgeführt. Dabei waren die Einschätzungen der Schüler/innen überwiegend positiv und haben meine Erwartungen bestätigt bzw. sogar noch übertroffen. Bemerkenswert fand ich vor allem:

  1. Die Schüler/innen arbeiten grundsätzlich gerne mit Wiki und schätzen insbesondere die positiven Auswirkungen des Teamworks auf ihre sozialen Kompetenzen.
  2. Die vorgestellten Unterrichtsbeispiele fanden bei den Schüler/innen guten Anklang, wobei vor allem die eingesetzten Webquests und die Verwendung als Projektmanagementplattform besonders positiv beurteilt wurden.
  3. Meine Einschätzung, dass es mit jüngeren Schüler/innen geschickter ist, mit Wiki erste E-Learning-Versuche zu starten und nicht mit einer "klassischen" Lernplattform, sehe ich durch die Interviews bestätigt.
  4. Die kontinuierliche Arbeit im Sinne des "Eigenverantwortlichen Lernens" an unserer Schule trägt offenbar Früchte, da die Schüler/innen einen Mehraufwand an eigener Arbeit beim Einsatz von Wiki in Kauf nehmen und die Bedeutung für den eigenen Lernerfolg und die Verbesserung ihrer Kompetenzen erkennen.
  5. Nicht ganz so erfreulich ist für mich die Tatsache, dass fast keine direkte Kollaboration stattgefunden hat. Das kooperative, also arbeitsteilige Arbeiten wird offenbar als effizienter angesehen, und das Bewusstsein für die Möglichkeit einer direkten Kollaboration ist ohne direkte Hinweise durch die Lehrenden nicht vorhanden.
  6. Die Zweigleisigkeit zwischen ILIAS-Lernplattform und Klassen-Wiki hat die Schüler/innen teilweise gestört.

Der letzte Punkt deckt sich mit meiner Einschätzung. Obwohl beide "E-Learning-Werkzeuge" für sich wichtige Funktionen erfüllen, die ein Werkzeug allein nicht leisten kann, bringt die parallele Verwendung auch eine Reihe von Problemen mit sich: Doppelter Wartungsaufwand, getrennte Benutzer/innenverwaltungen, keine Möglichkeit der Verlinkung von Inhalten zwischen den Plattformen und schließlich das Gefühl, in keiner Lernumgebung "richtig zuhause zu sein" haben mich zu der Idee geführt, beide Systeme zu verbinden.

Durch eine hervorragende Kooperation mit Werner Randelshofer von der FH Zentralschweiz und die großzügige finanzielle Unterstützung durch das bm:bwk war es möglich, das Open Source-Projekt "MediaWiki Joins ILIAS" zu initiieren, das von mir konzipiert und geleitet wurde. Auf Basis der Ausführungen dieser Arbeit wurde eine Integration der Social Software MediaWiki in das LCMS ILIAS geplant und umgesetzt. Lehrende können künftig für einen Kurs oder eine Lerngruppe innerhalb der Plattform ein Wiki-Objekt mit dem vollen Funktionsumfang von MediaWiki anlegen, wobei die Benutzerverwaltung direkt aus ILIAS übernommen wird und sämtliche Inhalte in beiden Richtungen verlinkt werden können. Die technische Umsetzung auf dem Testserver der FH Zentralschweiz funktioniert bereits, steht unmittelbar vor der erfolgreichen Implementierung und wird voraussichtlich ab dem Sommer 2007 allen ILIAS-Benutzer/innen zur Verfügung stehen. Damit sind nicht nur die bereits beschriebenen Probleme für die HTL Dornbirn ausgeräumt, sondern das Konzept der Integration einer Social Software in eine traditionelle Lernplattform kann von E-Learning-Expert/innen weltweit erprobt werden.

Ausblick: Social Software als Chance für die Pädagogik des 21. Jahrhunderts?

Das Projekt "MediaWiki Joins ILIAS" steht unmittelbar vor einer erfolgreichen Implementierung und stellt für mich den vorläufigen Abschluss einer fast dreijährigen Entwicklungsarbeit dar. Voraussichtlich bereits im Oktober 2006 wird das MediaWiki-Objekt auf den ILIAS-Plattformen der FH Zentralschweiz und des Vorarlberger Bildungsservers installiert werden und steht anschließend einer großen Zahl von Lehrenden für eingehende Praxistests zur Verfügung. Ich selbst werde in diesem Schuljahr die Möglichkeit haben, mit mehreren Klassen die integrierte Lösung zu erproben, und bin schon sehr gespannt, in wie weit das Konzept aufgeht und die gewünschten Verbesserungen bringt. Für die Integration der Social Software Wiki in eine Blended Learning-Umgebung scheint eine praktikable Lösung gefunden, womit der Bereich "Kollaboratives Schreiben im Team" hervorragend abgedeckt und eine "didaktische" Lücke in traditionellen Lernplattformen geschlossen ist. Bleibt die Frage: Wie steht es mit den anderen vielversprechenden Social Software-Initiativen? Weblogs als persönliche Lerntagebücher zur Begleitung und Beurteilung des Lernprozesses, E-Portfolios zur aussagekräftigeren Darstellung des eigenen Lernerfolgs und zur gerechteren Leistungsbeurteilung, Social Bookmarks als teamorientierte Variante der persönlichen Hyperlinkverwaltung zur besseren Orientierung im Web? Gibt es vielleicht ähnliche Möglichkeiten der Integration in ein "traditionelles" Blended Learning-Szenario? Als Gegenpol zum doch noch sehr stark vorherrschenden Instruktionsdesign auf den Lernplattformen aller Bildungseinrichtungen wäre es zu wünschen.

Auf der anderen Seite stellt sich für mich die spannende Frage, ob die Integration einer Social Software in ein Learning Management System, das wie ein klassisches Redaktionssystem aufgebaut ist, überhaupt der richtige Weg ist. Gehen durch das „Überstülpen“ des ausgeklügelten Rechte- und Gruppensystems des traditionellen LMS nicht wesentliche Elemente einer Social Software verloren? Passt der Ansatz einer jeden Social Software, nämlich dass es eigentlich nur eine einzige Benutzer/innengruppe gleichberechtigter Mitglieder gibt, nicht viel besser zu einer konstruktivistischen Lernauffassung, in der die Lehrenden zum Coach werden und das Lernen von der Peer-Group ein wesentliches Element ist? Wie (un-)realistisch ist es, dass Lernende die gleichen Rechte wie Lehrende haben? Wie würde sich dieser Umstand mit den heiklen rechtlichen Fragen beim Thema "Leistungsbeurteilung" vertragen? Eine Fülle offener Fragen – mit durchdachten Konzepten und praktischen Erfahrungen nach Antworten zu suchen, scheint mir eine lohnende Aufgabe für die nächsten Jahre.

Quellen zu den Zitaten

  1. Hochadel, O. (2006): Das Internet kommt zu sich selbst. Der Standard, 23. August 2006, Forschung Spezial, S. 11.
  2. Burners-Lee, T. (1999): Talk to the LCS 35th Anniversary celebrations. http://www.w3.org/1999/04/13-tbl.html.
  3. http://eportfolio.salzburgresearch.at/index.php?option=com_content&task=view&id=19&Itemid=53
  4. Baumgartner, P. und Kalz, M. (2004). Content Management Systeme aus bildungstechnologischer Sicht.

Downloadstatistik

Downloads seit Anfang November 2006 (Stand: 01.08.2009):

  • Wiki-Artikel: 14500
  • Master Thesis: 8343 (370+430+350+352+262+280+223+300+235+205+206+226+195+272+323+263+241+197+225+179+125+210+239+762+186+192+228+329+197+172+186+174)
  • Defensio: 1049 (73+43+43+63+28+40+43+51+38+38+24+20+39+37+35+28+19+35+29+31+29+30+19+27+22+20+37+32+18+16+20+22)
'Persönliche Werkzeuge